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Historisches Gemälde von Job Berckheyde – der Bäcker. Die Geschichte des deutschen Brotes.

Deutsche Brotkultur

Der Mensch und das Brot

Brot im Lebenslauf

Geburt und Taufe

Brot bzw. Gebäck begegnet im Zusammenhang mit Geburt und Taufe entweder als Amulett oder als Geschenk. Als magische Präventivmaßnahme aß die Wöchnerin in der ersten Woche nach der Geburt nur das Brot der Patenleute („Gevatterbrot“), weil es das Kind vor Unheil schützte und stark machte. Gegen böse Wünsche, das „Verschreien“, „Vermeinen“ oder „Verneiden“, die die gefürchteten Fraisen (Krämpfe, Epilepsie) und andere vielfach tödliche Kinderkrankheiten nach sich ziehen könnten, schützte die junge Mutter noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Kind mitunter durch ein „Schaubrot“ – ein Brot, das lange Zeit in der Auslage eines Bäckers gelegen und die Blicke vieler Menschen auf sich gezogen hatte.

Zu dieser Zeit war es auch üblich, dass der Pate des Kindes der Mutter bestimmte Brotgaben schenkte („wies“): gleich nach der Taufe (Geburt) „sechs Semmelwecken und einen Vierling Zucker“, drei Tage später das reichere „Vorwaisat“ (sechs Semmeln, ein Huhn und 30 Eier). Das eigentliche „Weisat“ (ein großer Semmelwecken, 30 Eier und ein Hemdchen für das Kind) wurde zwölf Wochen nach der Entbindung gebracht (nach Burgstaller). Das „Weisat“ diente wohl nicht nur der Erleichterung der wirtschaftlichen Lage, sondern sollte sicher auch den Ausfall der Köchin wettmachen und zudem der Familie gegenüber Wertschätzung ausdrücken.

Liebe und Hochzeit

Sowohl bei der offiziellen Brautwerbung, wie bei inoffiziellen Neigungsbekundungen spielten (unter anderem) gewisse „Anschneideriten“ eine Rolle. Das Mädchen ließ den Auserwählten zum Beispiel vom Allerheiligenstriezel kosten und schnitt ihm ein Stück ab. Gemeinsames Abschneiden und gemeinsamer Genuss hatten dann den Rang einer Verlobung.

Den Mittelpunkt des weltlichen Hochzeitsfestes bildet das gemeinsame Mahl, das oft mit Tanz verbunden ist. Das „Heirats-“ oder „Hochzeitsbrot“ wurde im Haus der Braut hergestellt. Diese „Bracht“ der Braut durfte nur vom Bräutigam angeschnitten werden. Der Anschnitt musste zusammen mit dem Hochzeitsbuschen aufgehoben werden, auf dass das Brot im neuen Haushalt niemals ausgehen möge. Im Laufe der Zeit wird das Hochzeitsbrot nicht mehr zu Hause gebacken, sondern beim Bäcker in Auftrag gegeben. Die „Hochzeitssemmel“ (auch „Tafel-“ oder „Mahlsemmel“), die das Hochzeitsbrot ersetzt, ist von vornherein ein Bäckererzeugnis und wird vom Wirt, bei dem das Hochzeitsmahl stattfindet, bestellt und auf die Tafel gestellt. Sie ist viel größer als die Alltagssemmel oder als Doppelform („Paarsemmel“, „Paarl“) gearbeitet.

Oft steht ein einzelnes, besonders eindrucksvolles und schön geschmücktes Gebäck im Mittelpunkt besonderer Handlungen, zum Beispiel ein großes geflochtenes Kranzgebäck, „Hochzeitsbeugel“ oder „-kranz“ sowie „Bah“ auch „Baa“ oder „Ba“) genannt. Um dieses von der Braut, der Brautmutter, der „Kranzjungfer“ usw. ausgeworfene Gebäck entsteht eine Balgerei („Bah-Raufen“), denn sein Besitz gilt als gutes Omen.

Verschiedenste Austeilbrote und –gebäcke werden verteilt, oder Schaubrote und Kuchen werden mitgebracht und präsentiert. „Krapferlschauen“ gehört zum Umfeld einer Hochzeit.

Mittelpunkt der Feier ist heutzutage die mehretagige Hochzeitstorte nach angelsächsischem Vorbild. Vorläufer dieser auffälligen Schautorte waren früher zum Beispiel der „Blattlstock“ und der Prügelkrapfen („Prügel“, „Stutzen“, „Baumkuchen“).

Tod und Begräbnis

Brot ist im Zusammenhang mit Tod und Begräbnis unter anderem Schutz, Erkennungszeichen im Jenseits, Ausdruck oder Mittel der Verbindung mit dem/der Verstorbenen, aber auch Armenspende. Zum Kreis derer, denen die Brot- bzw. Gebäckspenden zuteil wurden, zählten viele. Dem Boten („Leichenbitter“) musste man, wenn er die Einladung zur Begräbnisteilnahme überbrachte, Brot reichen, denn „sonst lässt er den Tod zurück“. Den Besuchern im Trauerhaus sowie den Teilnehmern an der nächtlichen Totenwache gaben die Hinterbliebenen einen Laib Brot mit der Aufforderung „Schneid ab und iss von seinem Brot, damit ihr euch in der anderen Welt erkennt!“ Brotspenden wurden auch während des Leichenbegräbnisses oder im Anschluss daran verteilt. Körbe voll Semmeln oder Wecken wurden vom Bäcker zum Friedhof oder in das Gasthaus, wo der Leichenschmaus stattfand, geschafft. Es wurden alle Trauergäste sowie die offiziell an der Bestattungszeremonie Mitwirkenden wie Kreuz-, Licht- und Sargträger, Ministranten und Läutebuben usw. bedacht, „damit viele Vergeltsgott zusammenkommen“ (Zum Wohl der armen Seelen im Jenseits).

Die Formen der „Tischbrote“ beim Totenmahl und Austeilbrote sind so vielfältig wie die Bezeichnungen. Die runden Semmeln, Laibchen, Wecken, Kipferl, „Flößl“ (kleine Zopfgebäcke in Zeilenform) und weitere Arten wie zu Allerseelen heißen unter anderem „Toten-“, „Bestattungs-“, „Seelen-“, „Zehrungs-“ oder „Konduktsemmel“ etc.. Dann gibt es noch die allgemeineren, einfach auf ein festliches Mahl oder die Tafel bezugnehmenden Bezeichnungen wie „Mahlsemmel“, „Tafelbrot“ und „Auflegesemmel“ (die auf der Tafel neben dem Gedeck aufgelegt ist), die wir auch in anderen Zusammenhängen, etwa bei der Hochzeitstafel, finden.