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Historisches Gemälde von Job Berckheyde – der Bäcker. Die Geschichte des deutschen Brotes.

Deutsche Brotkultur

Der Mensch und das Brot

Brot in der Sprache

Redensarten und Sprichwörter um das Brot spiegeln vor allem eines wieder: den Grad, in dem der Mensch sich seiner existentiellen Abhängigkeit vom Brot bewusst ist. Auch hier ist das Problem natürlich ein höchst allgemeines; die Sprichwörter geben ihm aber jene mundartliche Färbung, aus der die persönliche Erfahrung spricht.

Eine der bekanntesten Wendungen stammt schon aus der Bibel (1. Mose 3,19): „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ Damit ist ein moralisierender Ton vorgegeben, der die Arbeit als Strafe für den Sündenfall erklärt. In dieser Perspektive erhält das Christuswort erst seinen Sinn, der darauf deutet, wie allein diese „Strafe“ aufzuheben sei, nämlich indem der Mensch erkennt „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“

Doch gegen diese quietistische Einsicht schleudert Bertolt Brecht in seiner Ballade über die Frage: "Wovon lebt der Mensch"? den seinerseits sprichwörtlich gewordenen Satz: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Und er konkretisiert:

„Erst muss es möglich sein auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“

Dem einfachen Volk ist diese Sicht der Dinge sowieso viel vertrauter. Ganz ohne revolutionären Anspruch (aber mit leicht subversivem Unterton) heißt es in Iserlohn etwa: „'N Stück Brot in der Taske es biäter as 'ne Fiär omme Haue“; der Bayer sagt: „Besser a Stuck Brot im Sack als Federn am Hut.“

Brot ist so grundlegend, dass es letztlich als Synonym für Nahrung überhaupt gebraucht wird. Besonders originell geschieht dies, wenn z. B. in Meiningen das Obst als wichtiges Nahrungsmittel hervorgehoben werden soll: „Das halb Brûd (Brot) hängt an den Bäme (Bäumen).“

Brot wird sogar als Synonym für Arbeit gebraucht: wer arbeitet, „verdient sein Brot“; das „Brotstudium“ befähigt zum „Broterwerb“, zu Arbeit, die ihren Mann ernährt, im Gegensatz zur „brotlosen Kunst“ (ars sterilis), von der man nicht leben kann.

Somit ist Brot letztlich ein Synonym für Leben schlechthin, was noch in der barocken Wendung anklingt, die das „Töten“ ausdrückt, indem sie sagt, man habe jemanden „vom Brot getan“ (etwa Andreas Gryphius, Herr Peter Squenz, 2. Akt).

„Wo Fried ist, da ist Gott und Brot, wo Unfried ist, ist der Teufel und d’Not“ heißt es im Schwäbischen. Die Abwesenheit von Brot bedeutet Hunger und steht für alle Übel der Welt. Das wird schon deutlich, wenn man den Kindern, die das trockene Brot nicht mögen, entgegnet: „Brot ist nicht hart. Kein Brot – das ist hart.“ Ein Sprichwort weiß: „Nach dem Weißbrot kommt das Graubrot oder der Hunger“. Wer aus Brotmangel betteln muss, bekam etwa in Kamnitz leicht zu hören: „Bettelbrot macht faul.“, in der Niederlausitz gar: „Bettelbrot macht frech.“, nur in der Uckermark wusste man: „Betterbrot schmeckt bitta.“

Den Ausdruck tiefster Verzweiflung schließlich malt Goethe im Wilhelm Meister (Lehrjahre, Band I, 2. Buch, 13. Kapitel) mit einem biblischen Bild (Psalm 80,6), wobei sich freilich der Dichter die aus dem Versmaß herausfallenden „himmlischen Mächte“ durchaus mit sarkastischer Verachtung ausgesprochen vorgestellt haben wird:

Wer nie sein Brod mit Thränen as,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend sas,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.